| In zwei Minuten aus der Idylle in den Trubel |
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Die Stadt Bremerhaven entstand im 19. Jahrhundert tatsächlich als Hafen von Bremen. Es handelt sich also um eine eher junge Stadt, zumal erst 1947 Wesermünde, in das es vorher eingemeindet war, in Bremerhaven umbenannt wurde. Zudem liegen die Arbeitslosenzahlen hier in unrühmlichen Regionen.
Kein Vergleich also mit historisch gewachsenen Kulturmetropolen wie Hamburg, München, Köln, Dresden oder Berlin; ganz anders auch als Augenschmausstädte wie Bamberg, Bayreuth, Trier, Heidelberg, Lübeck, Quedlinburg, Esslingen oder Bad Salzungen. Nichtsdestotrotz bietet die einzige deutsche Großstadt, die direkt an der Nordsee liegt, Reize, die sonst kaum zu finden sind. Diese einzigartigen Erlebnisse erfährt der aufmerksame Spaziergänger gar in der Jahreszeit, die sonst die Ski- und Gebirgsregionen für sich beanspruchen. In Ruhe und entspannt ist es möglich, wenige Minuten mit dem Bus vom Hauptbahnhof entfernt, wenige Schritte vom Busausstieg weg, am Ufer des Wassers zu bummeln, dass die Einheimischen Weser nennen, obwohl es für den Gast aussieht wie die Nordsee. Schiffe liegen eingewachsen in Eis im Hafen und die Schilder, die auf Rundfahrten hinweisen, schauen schüchtern aus Schneehaufen hervor. Ein einzelner Mann im grünen Overall, mit irgendwas wie Werkzeug in der Hand, balanciert vorsichtig über die Stege und verschwindet im Gewirr von Bootsmasten- und rümpfen. Das Wasser plätschert hier gemächlich und da forsch gegen Steinmauern. Irgendwo draußen liegen Kähne oder Hochseeriesen im Nebel und grüßen aus der großen, weiten Welt. Ein Schiff, sehr hoch, eher kurz, mit einer mächtigen Seilwinde am Heck, hält sich mit dicken Tauen am Festland umklammert. Eine junge Frau, versteckt in gelben Allwetterklamotten, putzt mit Kehrschaufel und Eimer das Deck, ein Kollege im gleichen Gewand huscht an der Reling entlang und klettert ins Innere. Ganz oben, in der Steuerkabine, beinah majestätisch anmutend, hantiert der vermeintliche Kapitän oder Steuermann herum, irgendein Motor brummt leise vor sich hin. Flussaufwärts schreitend, begleiten Möwen den Pfad, kreisen über einem Leuchtturm oder schreien weit ins Land hinein. Von links grüßen das Hotel „Sall City“ und das Klimahaus, außerdem kleben einige Marken mit Hochwasserständen am Hang, die aber jeder aktuellen Klimakatastrophe zum Trotz Jahrzehnte und Jahrhunderte zurück liegen. Irgendwann taucht, zu dieser Jahreszeit völlig unpassend, aber dennoch völlig selbstverständlich, der Weserstrand auf, lädt zum Bad, zum Verweilen in der Sonne und dem Besuch im Restaurant ein, was aber allein schon daran scheitert, dass unter der weißen Pracht sich die Sommerfreuden lediglich erahnen lassen. Um die Ecke läuft soeben die Fähre „Bremerhaven“ aus und ein Lotsenboot legt an, schaukelt dabei im Spiel der Wellen, der Motor heult auf, wird leise, wieder laut und verstummt. Ein Seil fliegt ans Ufer und wird an einem Pflock festgemacht. Nicht weit von dem Ort ruht ein größeres Segelschiff nach sicherlich Jahrzehnten Dienst auf den Weltmeeren in ruhigem Gewässer und lädt hungrige und durstige Passanten an Bord und zu Tisch. Da wo es angeleint ist, stolzieren Möwen über den Schnee, graben ihre Schnäbel hinein und suchen ebenfalls nach Essbarem.
Überall zeichnet der Winter sein Bild, weiß und silbrig glänzend, kalt und trübe. Fast überall. Nur wenige Schritte entfernt weht dagegen ein Hauch Mittelmeer. Im Mediteraneo bieten Läden, die allesamt im italienischem Stil herausgeputzt sind, ihre Waren an, emsige Kellnerinnen und Kellner huschen in einem Café von Tisch zu Tisch, servieren Pizza oder Eisbecher, Tee oder Cappuccino. Mit dem Klimahaus haben die Bremerhavener ein Highlight der besonderen Art zu bieten. Der Gast kann die Erde entlang des achten Längengrades umrunden, passiert dabei die Schweiz, Italien, Niger, Kamerun, die Antarktis, Samoa oder Alaska, lernt die Menschen, Tiere, Landschaften, Bräuche und auch das Klima – von heiß bis Frost, von klarer bis stickiger Luft – kennen. Verlässt er, bepackt mit den unterschiedlichsten Eindrücken, diese Sehenswürdigkeit, stolpert der Besucher zwangsläufig von Geschäft zu Geschäft, reiht sich ein ins Großstadtleben. Eben noch am beschaulichen Weserufer, allein mit den Möwen und den Sehnsüchten nach grenzenloser Freiheit – und keinen Steinwurf entfernt Information, Unterhaltung, Trubel. Bremerhaven eben. Jörg Joachim |
| Fotos: JJ |
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