| Sag die Wahrheit |
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Vor mehr als fünfzig Jahren, als das Fernsehbild noch schwarzweiß war, kam eine neue Show nach Deutschland, in der ein Rateteam mit jeweils drei Personen konfrontiert wurde. Da die drei Personen jeweils dieselbe Geschichte für sich beanspruchten, war offensichtlich, dass zwei von ihnen lügen. Nur für eine von ihnen galt das Motto, das der Sendung den Namen gab: Sag die Wahrheit! Im Studio ist das Ringen um Tatsachen und falsche Behauptungen nur ein Spiel, aber im realen Leben schrecken manche Menschen selbst dann nicht vor einer Lüge zurück, wenn damit Gewalt und Tod als harmlose Begleiterscheinungen bagatellisiert werden. Sanfte Verbiegungen der Wahrheit können akzeptiert werden, da sie oft mit guten Absichten verbunden sind und dabei helfen, zwischenmenschliche Beziehungen angenehm zu gestalten. Wenn die bewusste Falschaussage jedoch auf hinterlistigen und schädlichen Motiven beruht, hört der Spaß sofort auf. Wer als ein derartiger Lügner auffällt und keine ehrliche Reue zeigt, verliert den Respekt der Gesellschaft. Ein Blick in die Nachrichten genügt, um prominente Beispiele zu finden.
Schrobenhausen ist eine oberbayrische Kleinstadt, in der einst ein Mann namens Walter Mixa als Geistlicher aktiv war. Als er zum Bischof von Augsburg und Seelsorger der Bundeswehr aufgestiegen war, holte ihn vor kurzem diese Station seiner Vergangenheit wieder ein. Wenige Wochen, nachdem er die sexuelle Revolution zum Hauptschuldigen für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche verurteilt hatte, stand er selbst auf der Anklagebank, weil zahlreiche Menschen ihm Gewalt gegen junge Menschen vorwarfen, die er als Geistlicher eigentlich schützen sollte. Mixa, der in bereits früheren Skandalen Juden und Frauen gegen sich aufgebracht hatte, reagierte mit Leugnen, Schweigen und Verharmlosung, ehe er unter dem öffentlichen Druck sein Amt aufgab. Der Fall Mixa ist aktuell eine der prominentesten Horrormeldungen aus der katholischen Kirche. Immer häufiger zeigen sich Lücken in den dicken Mauern, hinter denen sich der Vatikan lange Zeit mit seiner Rechtsprechung nach eigenem Gutdünken versteckte, und für die Vertreter Christi, die das Gebot der Nächstenliebe falsch verstehen, wird die vom Weihrauch vernebelte Luft dünner. Frau Käßmann, die Vertreterin der evanglischen Konkurrenz, beging ebenfalls eine Sünde und erwarb sich wegen ihrer Ehrlichkeit trotzdem Respekt. ![]() Ähnlich wie die Geistlichen sollen auch die Politiker eigentlich dem Wohl der Menschen dienen, von denen sie in ihr Amt gewählt wurden. Geschichten über gebrochene Wahlversprechen, ungerechte Privilegierung der Oberschicht und Schröpfung des kleinen Mannes kann man täglich in der Zeitung lesen oder an jedem Stammtisch hören. Doch die deutschen Volksvertreter, die diese Bezeichnung nicht mit Leben füllen, haben neben der Unfähigkeit zum angemessenen Handeln auch ein Problem mit ihrer Sprache. Derzeit wollen sie ein einfaches Wort mit fünf Buchstaben nicht aussprechen, obwohl es außerhalb der Regierung in aller Munde ist. Während in Afghanistan immer mehr Soldaten durch tödliche Waffengewalt ihr Leben lassen, spricht kein Politiker vom Krieg. Schließlich will keiner sich mit dem peinlichen Attribut schmücken, erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wegen einer politischen Entscheidung deutsche Kämpfer in den Tod geschickt zu haben. Ein mit dem Blut des Krieges verschmierter Wahlzettel ist kein Ruhmesblatt, aber wenn ein Politiker sich der Sprache des Volkes bedienen würde, könnte er wenigstens durch die Anerkennung der Wahrheit punkten. Wegen einer großen Mensche Asche geriet der Politiker Peter Ramsauer in einen Konflikt mit der Wahrheit. Die Asche kam nicht aus irgendeinem Steuerkonzept, sondern aus einem Gletscher, dem die Isländer den komplizierten Namen Eyjafjallajökull gegeben hatten. Vertreter mehrerer Fluggesellschaften warfen ihm vor, dass er die notwendige Sicherheit der Passagiere nach dem Vulkanausbruch zu sehr betonte, ohne zu wissen, wie groß die Gefahr am Himmel tatsächlich war. Die Frage, ob der Verkehrsminister ernsthaft und berechtigt um das Wohl der Menschen besorgt war oder sich wider besseres Wissen als menschlicher Politiker profilieren wollte, sorgte für ähnliche Unruhe wie die Spekulationen, wann denn endlich wieder Kondensstreifen am strahlend blauen Himmel zu sehen sein würden. Die Liste der Beispiele könnte über die aktuellen Nachrichten hinaus unendlich fortgesetzt werden. Lügen gehören zum Alltag, seit die Menschen erkannt haben, dass sie mit Hilfe der Sprache Parallelwelten zur Wahrheit aufbauen können. Abgesehen von den sozial geduldeten kleinen Lügen gibt es eigentlich keine Berechtigung für die Missachtung der Wahrheit. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Lügen nicht nur das Gewissen, sondern auch das Gehirn belasten, weshalb kleinen Kindern die bewusste Fähigkeit in den ersten Lebensjahren sogar fehlt. Alle anderen Menschen sollten daran denken, dass ertappte Lügner ihr Image zerstören. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er auch stets die Wahrheit spricht. Markus Schnitzler (http://www.kein-blatt.de/aktuelle_Ausgabe.php) |
| Foto:Thomas-Max-Müller pixelio.de (oben), obs/Funk Uhr (unten) |
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