| Der Stimmenimitator | |
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Kalles Revier So zumindest meine Erinnerung. Mittlerweile weiß ich, dass ich gar nicht Robin Hood war, und seit einigen Tagen auch, dass die Bussardschreie durchaus ein Eichelhäher nachgeahmt haben könnte. Letztgenannte Einsicht verschaffte mir Kalle. Der Vertreter aus der Familie der Rabenvögel flatterte mir beim Besuch bei Angela Kurylas und Nils-Lasse Schneider in Oldenburg direkt ins Gesicht, sagte klar verständlich „Komm her, Kalle“, sortierte Kekse auf dem Tisch und schrie wie ein Mäusebussard. Zudem ahmt er Scharnierquietschen, Hundegebell oder menschliches Pfeifen nach. ![]() Als Stimmenimitator betätigen sich die Eichelhäher durchaus auch in freier Wildbahn, also Wäldern oder Parks. Sie ernähren sich hauptsächlich (aber nicht nur) pflanzlich, sammeln zu dem Zweck Eicheln und vergraben sie im Boden. Sicher ist so zu erklären, dass Kalle die Wohnung von Angela und Nils-Lasse, die er als sein Revier betrachtet, nach seinen Ansprüchen umzugestalten versucht, Schokoladenosterhasen auspackt, Kisten oder CDs vom Schrank räumt und Nahrung unterm Teppich deponiert. Kalles Odyssey Das dazu nötige Zutrauen zu Menschen erlernte der gefiederte Geselle wohl, nachdem Studenten ihn im Babyalter in ziemlich zerzaustem Zustand fanden und zu dem Biologen und Experten für Vogelzug, Nils-Lasse Schneider, schafften. Der hatte gemeinsam mit der promovierten Biologin Angela Kurylas im Hessischen bereits mal eine Elster in Pflege. Auch Kalle kam wieder auf die Beine – nach zwischenzeitlichem Beinbruch - und in die Federn oder Flügel, nutzte die irgendwann zum Fliegen und fand nicht nach Hause zurück. Wenngleich der Eichelhäher sprechen kann, verrät er allzu viel nicht von seiner Odyssey. Zunächst sorgte er für Aufregung im Oldenburger Stadtteil Donnerschwee, klopfte an Fensterscheiben, suchte in der Küche nach Nahrung, nahm auf dem Balkon Erdbeeren zum Dessert oder knipste den Fernseher an. Das wiederum erzeugte Schlagzeilen in der lokalen Tagespresse, rief gar einen Ornithologen auf den Plan, der feststellte: „Der Vogel wurde mit Sicherheit von Menschen groß gezogen!“ Nicht weit von Angelas und Nils-Lasses Zuhause logierte Kalle bei einem anderen Paar auf dem Balkon, wurde da Herr Schmidtke genannt, und überstand gut den langen und nicht einfachen Winter. Bis kurz vor Ostern. Da sah Frau Schmidtke sich gezwungen, Angela Kurylas und Nils-Lasse Schneider zu Rate zu ziehen. Der sonst so muntere Eichelhäher ließ nicht nur die sprichwörtlichen Flügel hängen. Wahrscheinlich – auch dazu schweigt Kalle hartnäckig – kollidierte er mit einem Auto, erlitt ein Trauma und eine leichte Lähmung der Kralle. Den dadurch nachgelassenen Greifreflex erweckten die beiden Biologen durch Massagen und wiesen den Patienten zwischenzeitlich in die - zur Krankenstation umfunktionierte - Voliere ein. „Das Einsperren tat mir zwar sehr leid, aber es musste sein“, erinnert sich Angela Kurylas mit gemischten Gefühlen zurück.
Kalles Freund Vor allem – es half. In den ersten Maitagen präsentierte sich der Eichelhäher, der durchaus auch eine Karla sein kann, in putzmunterem Zustand. Nachdem er die Nacht im Bücherregal verbrachte und das Wohnzimmer nach seinem Geschmack umgeräumt hatte, entschwand Kalle, wenn auch widerwillig, zunächst auf den Balkon und von da ins Freie. Dort wartete ein Artgenosse, der gelegentlich bis kurz vors Haus mitkommt, dann aber doch lieber in den Bäumen Quartier bezieht. Mag sein, dass er da auch mal schreit wie ein Bussard. Das Reden beinah wie ein Mensch hat er indes nicht gelernt. Das bleibt Kalles Privileg, auch wenn er längst nicht alles ausplaudert. Jörg Joachim nach Bekanntschaft mit Angela, Nils-Lasse und Kalle |
| Fotos: JJ, privat |
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