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Zurück in die Truhe
Bild wird geladen... Im Supermarkt gehe ich an Fischdosen vorbei. Die Regale sind von unten nach oben voll. Ich gehe weiter, an die Tiefkühltheke. Auch hier Fisch und Schrimps soweit das Auge reicht. Ich nehme eine Packung heraus und werfe einen Blick auf ihre Rückseite. Da werde ich auf eine Tabelle mit Fanggebiet und Fangmethode aufmerksam. „Schleppnetz“.

Moment mal... Ist das nicht etwa das Riesenbeutelnetz, welches von einem Fischfabrikschiff, einem Trawler gezogen wird und alles aufsammelt, was auf seinem Weg durchs Wasser schwimmt?

Die Öffnung eines Schleppnetzes kann 50-70m x 100-120m betragen. Das ist mehr als zwei Hochhäuser auf- und nebeneinander gestellt, oder mehrere Fußballfelder zusammengenommen. Das meist 1500 m lange Netz kann von einem oder zwei Trawlern über Hunderte von Kilometern gezogen werden.

Der industrielle Fischfang ist ein lukratives Geschäft. Es floriert, weil Menschen immer mehr und immer billigeren Fisch kaufen wollen. Betrieben meistens von Europäern – Franzosen, Spaniern, Italienern und Norwegern zwingt er einfache Fischer in die Armut.

Ich wandere gedanklich ans Mittelmeer, wo ich in der Türkei und in Frankreich die Arbeit von Fischern Halil, Jean und Jean Paul beobachten durfte. Meine Türkeireise ist schon einige Zeit her, doch die Eindrücke von damals sind immer noch sehr präsent. Wie so oft wurde auch das Jahr 2007 zum Jahr des Delfins erklärt, also machte ich mich im Sommer jenes Jahres auf den Weg nach Antalya – auf die Suche nach dem Delfin.

Im Hafen treffe ich Halil Usta (den Meister Halil). Der Fischer ist einverstanden, mich am Morgen des drauffolgenden Tages an Bord seines Kutters mitzunehmen.

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Das Boot bietet wenig Platz, also verpflichte ich mich, nach Möglichkeit ihm bei der Arbeit zu helfen. Es ist 4:00 Uhr am Morgen. Halil Usta nimmt einen Eimer mit aufs Bord, und startet das Boot während ich am Ruder sitzen darf. Es ist stockfinster. In der Ferne leuchten kleine rote und weiße Lämpchen, die in Flaschen eingeschlossen auf dem Wasser verteilt sind. Sobald wir die Stadt hinter uns lassen, sind sie unsere einzigen Orientierungspunkte. Halil Usta macht sich an seine Arbeit. Aus dem Eimer holt er kleine Sardellenstücke, die er am Vorabend vorbereitet hatte und spießt sie als Köder auf die etwa 200 Haken, die an ein dünnes Seil befestigt auf dem mit Schaumstoff ausgelegten Rand einer Plastikschüssel feststecken. Ein elektronisches Gerät zeigt uns die Meerestiefe an. Sobald wir 170-206 Meter erreichen, stoppt das Boot und Halil Usta übernimmt das Ruder. Ganz langsam dreht das Boot zuerst kleinere und dann immer größere Kreise in einem offensichtlich festgeschriebenen Rhythmus um das drei Kilometer lange Seil mit den Haken im Wasser zu verteilen.

Die Schleppnetze und Grundschleppnetze der Trawler können Wassertiefen von 1500 bis 2000 Metern erreichen. Zwischen zwei Schiffe gespannt (Pair-Trawling) sorgen sie für eine noch höhere Ausbeute. Die kleineren Schlepper ziehen täglich 60 bis 100 Tonnen Fisch und Beifang aus dem Wasser. Die Super-Trawler wie beispielsweise der irische „Atlantic Dawn“, erreicht 400 Tonnen pro Tag. Der für eine US Amerikanische Firma (American Seafoods) in Norwegen gebaute „American Monarch“ zieht täglich 500 Tonnen Fisch und Beifang an Bord. Seit das Mittelmeer so gut wie leer ist, plündern die meisten Trawler die Gewässer vor den Küsten Westafrikas und den Ostpazifik. Ein kleiner Fischkutter oder eine Piroge müssten jeden Tag zehn Jahre lang ins Meer stechen um 500 Tonnen Fisch zu fangen. Was den Fischen die Chance geben würde, die Geschlechtsreife zu erreichen und sich zu vermehren. Diese Chance bietet die Industriefischerei nicht. Manche Thunfischarten könnten im Erwachsenenalter eine Größe von drei bis fünf Metern erreichen. Diejenigen, die in den Netzen der Trawler landen, sind oftmals gerade mal 50 bis 80 cm groß.

Mittlerweile ist die Sonne längst aufgegangen, ich nehme mein Fernglas zur Hand und halte Ausschau nach Delfinen. Schließlich sind sie der Grund und das Ziel meiner Reise.

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Leider sehe ich keinen einzigen. Es ist halb neun. Das Seil ist verteilt und wir nehmen Kurs auf die Küste. Etwa hundert Meter davor gehen wir vor Anker. Ein ruhiger Ort. Zwei Stunden müssen wir abwarten, bis der Fisch anbeißt. Mit Gesprächen lassen wir die Zeit verstreichen. Halil ist 39 Jahre alt. Kaum zu glauben, er sieht viel älter aus. Er zeigt mir Fotos seiner Frau und seiner zwei Kinder. So wie ich im Moment, habe auch er anfangs Probleme mit der Seekrankheit gehabt, aber mit den Jahren habe er sich an das Schaukeln gewöhnt. Die Zeit vergeht schnell und nach cirka zwei Stunden kehren wir an den Ort zurück, an dem wir zuvor das Seil verteilt haben. Halil Usta beginnt, die Haken aus dem Wasser zu holen und sie wieder am Rand der Plastikschüssel zu befestigen. Zehn, zwanzig, fünfzig… mit jedem leeren Haken wächst mein Mitleid mit dem sympathischen Fischer. Für uns reicht einer, sagt er fröhlich und versucht, seine Traurigkeit zu überdecken und sich selbst zu trösten. Endlich ein Aal. Es scheint, als ob er noch atmen würde, doch Halil Usta meint, dass seine Bewegungen nur noch Reflexe seien. Und dann noch ein schöner Fisch – seinen Namen vergesse ich sofort. Und noch ein kleiner Fisch und zwei Aale. Der größere von ihnen lebt noch. Er schlägt um sich, kämpft um sein Leben. Ob er überleben würde, wenn ich ihn ins Wasser zurückwerfen würde, will ich wissen. Halil Usta meint, dass er den Haken tief verschluckt hätte und auch im Meer zurück, bald sterben würde. Mir kommen die Tränen und ich kann sein Leiden nicht mehr mit ansehen. Weinend verpasse ich ihm mit einem Messer einen Todesstoß in den Kopf, es ist vorbei. Alle Fische landen in der Kühltruhe voller Eis. Meine Trauer kann der Fischer nicht nachvollziehen. „Du weinst, als ob dein Vater gestorben wäre.“ Irgendwie hat er Recht, schließlich esse ich ja auch Fisch und Fleisch – und es wächst ja nicht auf Bäumen. Ich hasse Doppelmoral, aber in dem Moment bin ich einfach nur unendlich traurig.

Auf dem nächsten Haken hängt ein Seestern. Er ist flach und der Haken von außen gut zugänglich. Vorsichtig entferne ich ihn. Ja, der Stern lebt und ich darf ihn zurück ins Meer werfen. Langsam lege ich ihn aufs Wasser. „Sag: Selam!“ (Frieden) wirft mir Halil Usta lächelnd zu. „Selam!“ Langsam entfernt sich der Seestern, seine Arme bewegen sich ganz leicht – oder kommt es mir nur so vor? Er schwimmt davon. Selam! Ich bin froh, ihm das Leben wieder geschenkt zu haben. Das war also unser Beifang heute.

Norwegen ist das einzige Land Europas, welches von seinen Fischern verlangt, den gesamten Fang (samt Beifang) an Land zu nehmen. In allen anderen europäischen Ländern, müssen die ungewollt gefangenen Tiere wieder ins Meer geworfen werden. Leider. Denn die Fische, Schildkröten, Delfine, Kleinwale und Vögel, deren Fang in Kauf genommen wurde, sind beim Hochziehen der Netze bereits tot gequetscht oder erstickt. Wenn eine stillende Delfinmutter im Netz verendet während ihr Kalb draußen verschont bleibt, wird es auf sich allein gestellt bald einen Hungertod sterben.

Da der Beifang entsorgt wird bevor das Schiff den Hafen ansteuert, gibt es über seine Mengen keine wirkliche Statistik. Es wird aber geschätzt, dass von 140 Millionen Tonnen Fang pro Jahr, etwa 40 Millionen Tonnen der Beifang sind. In der Nordsee schätzt man ihn sogar auf ein Drittel der Gesamtausbeute. So werden beispielsweise herausgefischte Dorsche tot wieder ins Meer geworfen, weil das Schiff eine Zulassung auf Heringe hat. Am meisten verheerend ist der Schrimpfang. Die dazu eingesetzten Grundschleppnetze durchpflügen den Meeresboden und vernichten dabei die gesamte Fauna und Flora. Die Beifangquote erreicht hierbei 90%.

Es ist 10.30 Uhr. Der Seestern ist das letzte, was wir an diesem Morgen aus dem Wasser ziehen. Fünf Fische für sechseinhalb Stunden Bootsarbeit plus ein paar Stunden Vorarbeit am Abend. Normalerweise verkauft Halil Usta seine Fische an Restaurantbesitzer, diesmal behält er sie für sich und seine Familie. Ich will wissen, ob der Fang immer so schlecht sei. In letzter Zeit leider ja. Im Winter, wenn das Wasser kühler wird und die Fische wieder in höheren Wasserschichten schwimmen, sei es besser, also er hofft auf den Winter. Aber auch dann würde er von Jahr zu Jahr weniger fischen. Und Delfine? Nur manchmal bekomme man sie zu sehen. Ich hatte leider kein Glück. Wäre ja zu schön – im Jahr des Delfins.

Besonders die sogenannten „Gemeinen Delfine“ sind im Mittelmeer zu einer Seltenheit geworden. In der Nordsee sind sie genauso wie die Schweinswale vom Aussterben bedroht. Zwar werden sie nicht gezielt bejagt, dennoch wird denjenigen, die nicht als Beifang in den Schlepp- oder Stellnetzen enden, die Nahrungsgrundlage entzogen. Folgen sind Unterernährung und daraus resultierende Mangelerscheinungen wie beispielsweise Osteoporose und Unfruchtbarkeit.

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Es ist Ende November 2010, als ich im Südfranzösischen Cassis die Fischer Jean und Jean Paul treffe. Wie Halil verlassen sie den Hafen um 4.00 Uhr am Morgen, zu dieser Jahreszeit ist es eisig kalt. Es ist 10.00 Uhr, als ich sie in den Hafen einkehren sehe. Ihr Boot ähnelt dem von Halil, es ist ein kleiner Dieselkutter, der gerade mal für zwei Personen Platz bietet. Jean und Jean Paul sind ältere Herren, die ihr ganzes Leben lang Fischer sind. Ihr Netz, mittlerweile sauber zusammengerollt, hat eine Breite von etwa 80 cm und eine Länge von etwa 30 m. Ich denke an ihren türkischen Kollegen und daran, dass er sich für den Winter einen besseren Fang erhofft hatte. Jean und Jean Paul verlassen ihr Boot, doch sie machen keinen glücklichen Eindruck. Jean nimmt drei grüne Eimer in die Hand und stellt sie an Land auf den Boden. Ich werfe einen Blick rein. Nur einer der Eimer ist halb voll. Ist der Fang immer so schlecht? Ja, und es wird immer schlimmer. Und Delfine? Manchmal sieht man sie im Sommer…

Die Fischpackung lege ich zurück in die Tiefkühltruhe.

Ilona Rutkiewicz

Foto: Ilona Rutkiewicz

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