| Gezüchtetes Leid |
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Christina Ledermann ist Stellvertretende Vorsitzende von Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner. Sie engagiert sich sowohl beruflich als auch privat für unsere vierbeinigen, pelzigen, gefiederten oder geschuppten Freunde. Burgsee-Kurier Redakteur Jörg Joachim holte sich bei ihr sachkundigen Rat zum Thema Masthühner:
Interview mit Christina Ledermann JJ: Frau Ledermann, haben Sie als Kind - wie viele Mädchen - schon ausgesetzte Katzen oder verletzte Vögel gerettet oder wie kamen Sie zum Tierschutz? Christina Ledermann: Bei uns lag das schon in der Familie. Ich bin mit Hunden, Katzen und Pferden aufgewachsen. „Tierische Sozialfälle“ wie ein totgeweihter Welpe, zugelaufene Katzen, eine alte Stute oder eine taube Dalmatinerhündin und viele andere fanden bei uns ein Zuhause. Ich bin auch mit meiner Clique herumgezogen, um Tiere zu retten. Na ja, zumindest haben wir es versucht (lacht). Es dauerte allerdings noch einige Jahre bis ich begriff, dass karitativer Tierschutz alleine nicht genug ist. JJ: Welche Aufgaben haben Sie beim Bundesverband "Menschen für Tierrechte"? Christina Ledermann: Ich bin seit vielen Jahren ehrenamtlich im Vorstand und seit diesem Jahr stellvertretende Vorsitzende. Seit 2007 arbeite ich als Angestellte in Teilzeit beim Bundesverband und kümmere mich um Fundraising, Mitgliederbetreuung, verschiedene Publikationen wie Broschüren, Newsletter sowie um die sozialen Netzwerke. Meine Hauptthemen sind Tiere in der Landwirtschaft und Ernährung. JJ: Welche Aufgaben verfolgt der Bundesverband "Menschen für Tierrechte" allgemein? Christina Ledermann: Unser Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Anerkennung und Umsetzung elementarer Tierrechte. Hierzu gehören insbesondere das Recht der Tiere auf Unversehrtheit sowie das uneingeschränkte Recht, entsprechend der eigenen Art zu leben. Aus dieser Zielsetzung ergibt sich automatisch, dass wir für den Ausstieg aus dem Tierversuch und der Nutztierhaltung sowie gegen jeglichen „Missbrauch“ von Tieren kämpfen. Wir setzen uns für eine konsequente Förderung tierversuchsfreier Forschung ein, für ein Verbot von Tierversuchen an Affen (als erster Schritt auf dem Weg zum Ausstieg aus dem Tierversuch) und für die Einführung des Verbandsklagerechts für Tierschutzorganisationen. Außerdem engagieren wir uns für einen Ausstieg aus der "Nutztier"-Haltung, die Förderung der tierlosen Landwirtschaft, die Abschaffung der "Pelztier"-Haltung, ein Verbot von Wildtieren in Zoo und Zirkus, die Förderung einer veganen Lebensweise und letztlich für die Etablierung einer "Kultur der Tierrechte" in der Gesellschaft. JJ: Konkret zu den Masthühnern, was unterscheidet diese gezüchteten Tiere von den Hühnern, die wir aus Höfen oder Gärten auf den Dörfern kennen? Christina Ledermann: Die Hühner, die heute in Intensivtierhaltungsbetrieben gemästet werden, sind sogenannte Hybridrassen. Sie sind auf ein Turbowachstum gezüchtet, damit sie in nur knapp fünf Wochen „schlachtreif“ sind. Dazu wurde ihnen ihr natürliches Sättigungsgefühl „weggezüchtet“. Sie haben nur noch eines im Sinn: fressen. Für die Tiere bedeutet diese einseitige Züchtung viel Leid: Über 25 Prozent können kaum stehen, geschweige denn laufen. Mitunter erreichen sie deshalb nicht mehr Futter- und Wassertrog und müssen verhungern oder verdursten. Außerdem halten Knochen, Herz und Lunge mit dem extremen Fleischzuwachs nicht Schritt. Hinzu kommt die extrem tierquälerische Haltung in fensterlosen Hallen mit hohen Besatzdichten. Die Folgen sind schwere Krankheiten, Verletzungen und Verhaltensstörungen. 12 Millionen Masthühner sterben deswegen jedes Jahr allein in Deutschland schon während der Mast. JJ: Wie leben (wenn man dieses Wort überhaupt nutzen darf) die Masthühner, bevor sie geschlachtet werden? Christina Ledermann: Ein Masthuhn lebt ein kurzes leidvolles Leben. Es sieht nie Tageslicht, kennt kein Gras und keinen Sand. Die Halle, in der ein Masthuhn zusammen mit 40.000 und mehr Artgenossen zusammengepfercht ist, wird nur einmal saubergemacht– nach der Schlachtung und bevor die nächsten Küken eingestallt werden. Dann leben die Hühner zunehmend in ihrem eigenen Kot. Mit dem Wachstum entstehen dann die zuchtbedingten Krankheiten wie Herzversagen, Gelenkerkrankungen, Knorpelwucherungen, Knochenbrüche, Leberverfettung, Atemwegserkrankungen, Brustblasen und andere. Wenn das Huhn dies überlebt, wird es nach dem Ende der Mastzeit nachts eingefangen, mit vielen anderen in Transportkörbe gesteckt und zum Schlachthof transportiert. Beim Verladen kommt es oft zu schmerzhaften Knochenbrüchen. Aber damit ist das Leid noch nicht zu Ende. Wenn die Tiere kopfüberhängend im Elektrowasserbad nicht ausreichend betäubt werden, kommt es vor, dass sie den Tötungsschnitt oder die anschließenden Stationen im Schlachtvorgang, wie z. B. das Rupfen, bewusst miterleben. JJ: Erkennt ein Kunde im Geschäft, ob ein Hähnchenschenkel oder die Hähnchenbrust von einem solchen Masthuhn oder einem (mehr oder weniger) glücklichen Huhn stammt? ![]() Christina Ledermann: Da 99 Prozent der Masthühner aus der konventionellen Haltung, also aus der sogenannten Massentierhaltung kommen, kann der Verbraucher davon ausgehen, dass das angebotene Fleisch fast durchgehend aus tierquälerischer Haltung stammt. Ausnahme ist nur Biofleisch. Die aktuelle Ausgabe von Stiftung Warentest, die das Thema behandelt, kommt aber zu dem Ergebnis, dass nur der Verzicht auf Fleisch ausschließt, dass Tiere leiden müssen. Denn auch Biohühnchen werden in konventionellen Schlachthöfen geschlachtet (Link zum Test: www.test.de/themen/essen-trinken/test/Haehnchenbrustfilets-Unternehmensverantwortung-Ware-Huhn-4137300-4138836/ ). JJ: Sehen Sie als einzige Alternative zur Massentierhaltung, ganz auf den Verzehr von tierischer Nahrung zu verzichten? Christina Ledermann: Sagen wir es so: Nur eine konsequent vegetarische Ernährung ist wirklich frei von Tierleid. JJ: Ernährt sich der Mensch gesund, abwechslungsreich und ausgewogen, wenn er auf tierische Produkte verzichtet? Christina Ledermann: Dazu gibt es mittlerweile diverse Studien. Die bisher weltweit umfangreichste Vegetarier-Studie der London School of Hygiene and Tropical Medicine mit 11.000 Personen ergab, dass praktisch alle Gesundheitsparameter bei Vegetariern deutlich bessere Werte aufwiesen als bei der fleischessenden Kontrollgruppe. Neben häufigerem Idealgewicht, niedrigeren Blutdruck-, Blutfett- und Harnsäurewerten und besseren Nierenfunktionsleistungen liegt die Sterberate bei Vegetariern um 20 Prozent und die Krebstodesrate sogar um 40 Prozent niedriger. JJ: Hatten Sie während Ihrer Tätigkeit Begegnungen und Gespräche mit Unternehmern, die Massentierhaltungsbetriebe betreiben? Wenn ja, welche Rechtfertigungen finden diese für ihr Handeln, sind bei diesen Menschen sowas wie Gefühle erkennbar? Christina Ledermann: Ich hatte ein paar solcher Gespräche. Meistens rechtfertigen Sie die Zustände damit, dass der Verbraucher dieses billige Fleisch will und dass die Art der Tierhaltung den rechtlichen Vorgaben entspräche. JJ: Hatten Sie während Ihrer Tätigkeit Begegnungen und Gespräche mit Politikern, die Massentierhaltungsbetriebe legitimieren? Wenn ja, welche Rechtfertigungen finden diese für ihr Handeln, sind bei diesen Menschen so was wie Gefühle erkennbar? Christina Ledermann: Für die meisten Politiker sind die sogenannten Nutztiere ein Produktionsfaktor. Wenn ein Schlachthof oder eine Mastanlage vermeintlich Arbeitsplätze schafft, dann ist dies oft Grund genug, sich dafür auszusprechen. Allerdings setzt hier langsam ein Umdenken ein. Der Boom der Mastanlagen erzeugt auch immer mehr Widerstand. Es bilden sich vielerorts Bürgerinitiativen gegen neue Mastanlagen und auch die Gemeinden fordern mehr Mitspracherecht. Sie wollen endlich die Möglichkeit bekommen, Genehmigungen für neue Anlagen abzulehnen. Die Politik merkt langsam, dass die Privilegierung von Mastanlagen durch das Baugesetz nach hinten losgegangen ist und fängt an nach Lösungen zu suchen. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat hierzu auch einen Gesetzentwurf zur Änderung des Baugesetzbuchs eingebracht. JJ: Haben Sie mit Ihren Mitstreitern bei "Menschen für Tierrechte" Erfolge erzielt oder kämpfen sie wie Don Quichotte gegen Windmühlen? Christina Ledermann: Es ist schon ein Kampf gegen Windmühlen, aber ich sehe auch Veränderung. Zum einen hoffe ich, dass die boomende Massentierhaltung von Seiten der Politik eingeschränkt wird. Zum andern, und dies ist vermutlich noch wichtiger, fangen die Menschen langsam an umzudenken, was ihre Ernährung betrifft. Das Thema "Vegetarismus" schafft es mittlerweile auf die Titelseiten der größten deutschen Zeitungen und Magazine. Der Stern wählte Ende Mai das Titelthema "Esst weniger Fleisch", die Wochenzeitung "DIE ZEIT" titelte unter zwei Fleischstücken mit der Headline: "Lasst das! - Seine höhere Intelligenz gibt dem Menschen nicht das Recht zum Fleischverzehr" und sogar das Handelsblatt berichtete über die "grausamen Methoden der Fleischindustrie". ![]() JJ: Frau Ledermann, was ist für Sie persönlich Tierliebe? Christina Ledermann: Zu allererst kann ich nur glaubhaft „Tiere lieben“, wenn sie nicht für meine Ernährung, für meine Kleidung oder um mich zu unterhalten leiden und sterben müssen. Ich liebe natürlich auch die Tiere, mit denen ich mein Zuhause teile. Dies sind Tiere aus dem Tierschutz, wie ein halbblinder Kater, eine leicht behinderte Katze und eine griechische Hündin. Was die Haltung von Haustieren betrifft, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Es gibt unter Tierrechtlern durchaus die Meinung, man sollte grundsätzlich keine Haustiere halten. Ich bin mir bewusst, dass ich auch aus reinem Egoismus Tiere halte, einfach, weil ich sie gerne um mich habe. Aber ich sehe diese Tiere nicht als meinen Besitz an. Es ist eine Art Symbiose. Ich sorge für diese Tiere und biete ihnen ein gutes Zuhause. Dafür belohnen sie mich mit ihrer Gegenwart. Außerdem kann ich so meiner kleinen Tochter schon früh beibringen, Tiere kennenzulernen, zu respektieren und natürlich auch sie zu lieben. Mehr Infos zu Masthühnern mit Filmaufnahmen und Fotos unter: Mehr Infos „ Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V. unter: www.tierrechte.de Mehr Infos zu einer gesunden, genussvollen Ernährung ohne Tierleid unter: www.culinaria-vegan.de |
| Fotos: www.tierrechte.de |
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